BRASILIEN: Der schönste Sumpf


Als wäre man auf einem anderen Planeten gelandet. In meinem Badezimmer wohnen drei kleine Frösche, benutzen meinen Zahnputzbecher als Froschtoilette, versuchen mich vom Duschkopf aus oder von unter der Klobrille zu erschrecken und geben mir nachts ein ohrenbetäubendes Konzert.


Vor meiner Zimmertür sitzt ein großes Wasserschwein und grunzt mürrisch, wenn ich versuche mich an ihm vorbei zu schleichen.


Der Ausblick aus dem Zimmerfenster ins offene Maul des Haus-Kaimans, der wieder vor der Küche rumbettelt.


Und im Baum über dem Frühstücksplatz nistet ein Hyazinth-Ara-Pärchen, das den ganzen Tag lustige Akrobatik-Übungen in den Ästen veranstaltet.
Jeden Morgen, wenn ich hier im Pantanal die Augen aufschlage, glaube ich immer weiter zu träumen. Das Paradies!


Mensch und Natur scheinen hier im Einklang zu leben. Der nette Lodge-Besitzer ist der Prototyp eines nachhaltig wirtschaftenden Hoteliers, der „sanften Tourismus“ lebt und fördert. Dennoch lässt er bei interessanten Spaziergängen über sein Land, in seinen lehrreichen Erzählungen, keinen Zweifel daran, dass wir hier die Eindringlinge sind. „Wisst ihr warum der Hyazinth-Ara fast ausgestorben ist?“ fragt er die gespannt lauschende Meute. Allgemeines Kopfschütteln. „Weil wir Menschen die Würgefeige fast ausgerottet haben.“ beantwortet er die fragenden Blicke. Unsere Blicke werden noch ratloser. „Die Würgefeige ist eine Art parasitische Pflanze. Zuerst wächst sie am Stamm einer Pflanze, zumeist Palme, empor, umschlingt dann ihren Wirt und nimmt dann so irgendwann die buchstäbliche Luft zum Atmen. Die Wirtspflanze stirbt ab. In der Konsequenz ist die Würgefeige innen hohl.


Perfekte Brutplätze für Papageien.“ Langsam ertönen die ersten „Ah“s aus der Menge, weil man nun den Zusammenhang zwischen Würgefeige und Papagei verstanden hat. „Wir Menschen haben angefangen die Würgefeige abzuholzen, um die Palmen zu erhalten. In bester Absicht. Aber die Natur ist ein extrem komplexer Gesamtorganismus. Wir hätten wissen müssen, dass dieses Mosaikstück Würgefeige seine Daseinsberechtigung hat.“ Er nickt wissend und weise. „Jetzt lässt man die Feige wieder wachsen?“ fragt ein Naseweis aus der Gruppe. „Und die Ara-Population erholt sich zusehends.“ nickt unser Gastgeber.
Hach, mein Herz hüpft. Geliebte Natur. So schlau und voller Wunder. Und manchmal so pervers und grausam. Ying und Yang. Bevor ich noch sentimentaler oder pathetischer werde, stapfe ich tapfer hinter der Gruppe her, und weiche den Stöckchen aus, die eine Affenbande von den Baumwipfeln aus mit unverschämter Treffsicherheit auf uns Eindringlinge wirft.

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