AIDA? Nur noch als Oper!


Im schmalen Gang herrscht Gedränge. Eine ältere, gebückt laufende Dame mit grauem, dauergewelltem Haar versucht mit der Menschenmenge Schritt zu halten. Von hinten bahnt sich ein Mann eilenden Schrittes einen Weg durch die Masse. „Entschuldigung. Darf ich mal durch?! Entschuldigung. Danke.“ erhebt er seine Stimme über das brodelnde Gemurmel der Horde. Beinahe hat er die Dauerwellen-Oma eingeholt. Sie wirft einen hektischen Blick über die Schulter, und gerade, als er rechts an ihr vorbei hechten möchte, holt sie mit dem Ellenbogen aus, und verpasst ihm einen herben Stoß in die Magengrube. Ein erneutes „Entschuldigung darf ich durch?!“ bleibt dem Mann im Halse stecken. Er klappt zusammen wie ein Schweizer Taschenmesser, und taumelt gegen die Wand, um dort nach Atem zu ringen.

Ob diese Szene vielleicht aus einem schlechten Action-Thriller stammt, und warum sie sich in meinem Reise-Blog findet, erfährst Du hier:

Ein Sektchen in Ehren

Mehrere Tausend Menschen auf engstem Raum. Morgens, wie Heuschrecken über ein Fleckchen Land herfallen, und abends -nach mir die Sinnflut- das Weite suchen.

Meine Vorstellung einer Hochsee-Kreuzfahrt hat gemeinhin nichts mit reisen oder Urlaub zu tun, sondern hat eher etwas von einem Alptraum.

Freunden und Kollegen, die mir mit leuchtenden Augen von ihren grandiosen Reisen auf den AIDAs dieser Welt berichtet haben, konnte ich bisher nur Unverständnis entgegen bringen. „Jetzt hör auf zu unken. Nur Versuch macht kluch. Es ist alles ganz anders, als du denkst. Die vielen Menschen verlaufen sich auf so einem Schiff. Du siehst innerhalb kürzester Zeit ganz viel von der Welt. Das ist wie Rundreise, nur ohne ständigen Hotelwechsel. Das wird dir gefallen.“ Meine Freundin klingt bestimmt und wedelt mit den Reiseunterlagen zu meiner ersten AIDA Kreuzfahrt vor meiner Nase herum. Mir ist nicht wohl dabei, aber ich nicke. Amen. So soll es sein. Ich trete meine erste AIDA Kreuzfahrt an.

Der Flug Frankfurt Venedig dauert nur 45 Minuten. Das Verteilen auf die Busse vom Flughafen Venedig zum AIDA Hafen-Terminal dauert rund eine Stunde. Das Einchecken auf die AIDA (Gesundheitsfragebogen, Kabinen-Zuweisung etc) rund eineinhalb Stunden. Hektische, drängelnde Touristen. Lange Schlangen. Ich bin genervt, bleibe aber ruhig, und vertraue auf die Worte „Das wird dir gefallen.“.

Die billigste Innenkabine ist geräumiger als erwartet und ich fühle mich auf Anhieb wohl.

Zeit mein Getränkepaket „Softdrinks, Wein, Sekt, Bier, antialkoholische Cocktails und Kaffe/Tee“ in Anspruch zu nehmen. An der Ocean-Bar bestelle ich freudestrahlend einen Sekt auf Eis und halte em Barkeeper meine Kabinen-Karte und die Comfort-Karte, die mich als vermeintliche Schnapsdrossel ausweist, entgegen. „Sorry Mam. No Sekt auf Eis. Only Sekt mit Eis for Comfort-Card.“. Aha. Ich blicke ratlos, und der Mann hinter der Bar erklärt mir geduldig, dass ich für mein gebuchtes Getränkepaket kein 200ml Glas mit Eiswürfeln und Sekt bekomme, sondern nur ein kleines (100ml?) Sektglas mit zwei Eiswürfeln. Darüber kann ich herzhaft lachen. Kleiner Scherzkeks. Typisch Barkeeper eben. Immer zu Scherzen mit dem Gast aufgelegt. Mh… der Mann hinter dem Tresen blickt mich ernst an, fackelt nicht lange, und drückt mir ein kleines Sektchen mit zwei Eiswürfeln in die Hand. Aha. Der meint es ernst. „Aber das ist doch albern. Dann bestelle ich doch einfach noch ein zweites Glas. Worin liegt denn in dieser Vorgehensweise der Sinngehalt?“ Mr. Barkeeper ignoriert mich und wendet sich dem nächsten Gast in der langen Schlange, die sich hinter mir gebildet hat, zu. Ich leere den Schluck Sekt in einem Zug, und stelle mich wieder hinten in der Schlange an. Ich bin genervt.

Gegen Abend laufen wir aus Venedig in die Adria aus. Grandios! Das lila Licht senkt sich über die Stadt. Der Markusplatz zieht links am Schiff vorbei. Hach. Ich bin glücklich.


Seetag

Beim Frühstück am anderen Morgen herrscht hektisches Gedränge. Der ein oder andere Rollator fährt mir am Büffet in die Hacken. Kann ja mal passieren. Was stehe ich auch so doof im Weg rum?!

Draußen, auf Deck, gleißender Sonnenschein. Strahlend blauer Himmel. Tiefblaues Meer. Das Schiff ein Ameisenhaufen. Liege an Liege. Stuhl an Stuhl. Jeder Quadratzentimeter mit sonnenanbetenden Kreuzfahrern belegt. Die Worte meiner Friseurin fallen mir wieder ein „Am Seetag stellst du dir am besten morgens einen Wecker, und reservierst vor dem Frühstück eine Liege.“ Damals hatte ich energisch den Kopf geschüttelt und leicht arrogant „Bevor ich so tief sinke, stehe ich lieber den ganzen Tag.“ zurückgegeben. Langsam frage ich mich aber, ob ich nicht besser ab und an auf gut gemeinte Ratschläge hören sollte. Meine Freundin und ich flanieren gelassen über das Schiff und unsere Augen scannen die Decks nach freien Liegeplätzen. Keine Chance. Wir gönnen uns noch einen Kaffee an einer Bar (tatsächlich bekomme ich mit der Comfort-Karte meines gebuchten Getränkepakets eine ganze Tasse Kaffee … keinen Fingerhut voll) und legen eine kleine Fotosession auf Deck ein. Eine Weile beobachten wir das bunte Treiben am Pool, und sehen uns die Vorstellung der Offiziere und des Kapitäns auf der Außenbühne an. Langsam möchten wir aber wirklich mal irgendwo sitzen. Nix frei. Also gut. Schauen wir mal, was es so zu Mittag im Restaurant gibt. Hunger haben wir noch keinen, aber es gibt tatsächlich ein paar freie Sitzplätze. Nach Tisch versuchen wir unser Glück nochmals auf Deck. In der Tat entdecken wir einen ungefähr drei Quadratmeter großen, freien, schattigen Fleck zwischen all den, mit Handtüchern belegten Liegen. Geschickt bugsieren wir zwei Stühle auf die freie Fläche, lassen uns zufrieden lächelnd nieder und schlagen beide unsere Bücher auf. Der Mann auf der Liege zu unseren Füßen hebt kurz den Kopf, blinzelnd gegen die gleißende Sonne und brummelt etwas unfreundlich klingendes. Ich lächle freundlich. Ich bin glücklich. Der Mann auf der Liege dreht sich unmutig von links nach rechts. Scheint, als würde es ihm ein bisschen warm werden in der Sonne. Er rappelt sich von der Liege hoch und sieht sich suchend um. Ich betrachte ihn freundlich interessiert. Mit einer prolligen Kinnbewegung signalisiert er mir, dass seine folgenden Worte an mich gerichtet sind. „Der Platz da. Im Schatten. Da will ich jetzt die Liege hin ziehen. Da haben sie nicht zu sitzen.“ Aha. Mein freundliches Lächeln erstirbt. Meine Freundin senkt in Zeitlupe ihr Buch und findet vor mir einen Weg aus der Sprachlosigkeit. „Da haben sie wohl vergessen, den wenigen Platz um ihre Liege herum auch noch mit Handtüchern zu markieren. Jetzt sitzen wir hier.“ Das krebsrote Sonnebrand-Gesicht des Herrn verfärbt sich noch dunkler, und eine Ader beginnt auf der fettig glänzenden Stirn zu pochen. Das wäre ja eine Unverschämtheit, beschimpft er uns laut. Zwei fette Kühe wie wir hätten ihm nicht seinen Schatten weg zu nehmen. Aha. Eigentlich schätzen meine Freundin und ich eine niveauvolle Unterhaltung. In diesem speziellen Fall, senken wir einfach peinlich berührt unsere Blicke in die Bücher und lassen den bierbäuchigen Mann einer Herzattacke entgegen zetern. Ich bin genervt.

Selbst die übliche Diskussion mit dem Barkeeper, ob ich zum Abendprogramm im Theatrium einen Sekt auf Eis, oder ein Sektchen mit Eis bekomme, muntert mich nicht wirklich auf.


Es ist alles ganz anders als du denkst

Die Sonne strahlt. Blauer Himmel. Ein warmer Wind weht mir um die Nase. Neuer Tag, neues Glück. Das Schiff hat im Hafen von Korfu festgemacht. Ich bin glücklich.

Wir haben Ausflug gebucht und stehen zur verabredeten Zeit bereit zum Landgang. Wir und mehrere Hundert Mitreisende ebenfalls. Schlange stehen. Alle Ausflügler werden auf unterschiedliche Busse verteilt. Es wird gedrängelt was das Zeug hält. Ähnlich wie beim Einsteigen ins Flugzeug. Könnte ja sein, dass es zu wenige Sitzplätze hat. Ich rolle innerlich die Augen und schüttele den Kopf.

Eine Kolonne von drei Bussen bricht auf zur großen Inselrundfahrt auf. Die anderen Busse nehmen andere Wege zu anderen Ausflügen.

150 Menschen, in drei Bussen umrunden die Insel. Zuerst besuchen wir ein Kloster. Die Reiseleiterin redet und redet und redet, und packt all ihr Wissen über Geschichte, Geographie, Botanik, Zoologie, Mythologie und sonstige -logie über Griechenland im Allgemeinen und Korfu im Speziellen in diese wenigen Stunden Ausflug. Es gibt einen Pausen-Stopp und nachmittags einen kleinen Spaziergang.

Am Abend, an der Reling mit einem Sektchen mit Eis in der Hand, verschwindet Korfu langsam am Horizont. Irgendwie fühlt es sich an, als hätte ich eine informative Dokumentation über Korfu im TV gesehen. Wirklich erlebt habe ich die griechische Insel nicht. „Ich war auf Korfu.“ ist zwar eine Tatsache, aber auf der anderen Seite auch maßlos übertrieben. So, als hat man mit dem Flugzeug eine Zwischenlandung in einem exotischen Land, verlässt das Flughafengebäude nicht, behauptet aber zuhause trotzdem „Ich war Daundda.“.

Alle haben gesagt „Es ist alles ganz anders als du denkst.“. Aber in Wirklichkeit ist es genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Ich fahre auf einem Schiff, aber ich erlebe keine Länder oder Kulturen. Das ist wie zuhause auf der Couch liegen und Reise-Doku schauen. Ich bin genervt (weil ich es echt hätte besser wissen müssen!).


Der Tourist, der ich nie sein wollte

Nächster Halt Bari in Apulien. Wir haben wieder einen Ausflug gebucht. Was ist denn die Alternative? Auf dem Schiff bleiben? Ins nächste Hafen-Cafe setzen? Mit einem Mietwagen losfahren, eine Reifenpanne haben, und die Abfahrt des Schiffs versäumen?

Das Trulli-Dörfchen Alberobello liegt rund zwei Stunden Busfahrt im Landesinneren. Beschaulich haben es seine Bewohner an kleinere Hügel gebaut. Ein Anblick wie auf einem Gemälde.

Sechs Busse mit je rund 50 AIDA-Touristen steuern den Busparkplatz an, stürzen fast alle zeitgleich aus den sich öffnenden Fahrzeugtüren und laufen wie ferngesteuerte Zombies hinter einem Fähnchen mit der Busnummer her. Die Reiseleiterin, die das Fähnchen tapfer vor sich trägt, versucht erst gar nicht auf die letzten zu warten, die schnell nochmals zur Toilette wollen (Was geht schon schnell, wenn Hunderte Menschen zur Toilette wollen?). Sie stapft beherzt Richtung Ortszentrum. Es wird wieder munter gedrängelt und geschubst. Die ältere Dame, die vor uns läuft japst jetzt schon nach Luft und hinkt mit jedem Schritt merklich mehr. Sie kann kaum noch Schritt halten, und bis unser Schwarm sich im Ortskern schwirrend um das Fähnchen Nummer fünf versammelt hat, kann ich sie schon nicht mehr ausmachen. Die Reiseleiterin glänzt nochmals mit ein paar interessanten Information, um uns dann in die angekündigte Freizeit zu entlassen. Natürlich nicht, ohne uns vorher den Abfahrtszeitpunkt der Busse einzubläuen.

Langsam verläuft sicher der AIDA-Heuschrecken-Schwarm im beschaulichen Örtchen Alberobello. Eigentlich bin ich glücklich. Eigentlich wollte ich nie ein Heuschrecken-Tourist sein. Eigentlich sollte ich genervt sein.


Der Showdown

Nun aber zur eingangs erwähnten Action-Szene: Soeben wurden die AIDA Gäste, die nach Düsseldorf und Berlin fliegen zu den Transfer-Bussen gebeten. So entstand das tumultartige Gedränge, durch das sich ein Mann zur Toilette schieben wollte, als er von der unschuldig aussehenden, älteren Dame vom allerfeinsten in die Magengrube gerammt wurde. Er taumelt gegen die Wand, um dort nach Atem zu ringen. An dieser Wand stehe ich. Und genau genommen ist der arme Kerl auf mich drauf gefallen, und hat mir dabei doch ganz schön weh getan. „Was machen sie denn?“ fahre ich die dauergewellte Dame an. „Sie können den Mann doch nicht einfach schlagen! Das ist Körperverletzung.“ „Der wollte sich vordrängeln.“ gibt sie uneinsichtig und mit fester Stimme zurück

Echt jetzt?! Ich fasse es nicht! Das ist wirklich die Krönung meiner Acht-Tage-AIDA-Experience. Ich bin nicht mehr nur genervt, sondern schockiert!


Mein ganz persönliches Fazit

Es mag sein, dass das Publikum auf anderen, evtl hochpreisigeren AIDA Reisen über RTL II Niveau liegt. Es mag sein, dass ich zu kritisch bin. Es mag sein, dass die Geschmäcker verschieden sind. Aber Fakt ist, dass ich in meinem Bewertungsbogen zur Reise einen freundlichen, konstruktiven Vorschlag zur Verbesserung des Getränkepaketes gemacht habe, und genau null Feedback der Reederei zurückkam. Nicht mal ein Standardbrief „Danke. Wir haben ihr Gemecker erhalten, und freuen uns auf die nächste Reise mit Ihnen.“ Nix. Gar nix. Es mag sein, dass andere Reedereien (MSC, TUImeinSchiff etc) anderes Publikum anziehen und besser organisiert sind. Aber Fakt ist, dass ich das nie herausfinden werde, weil diese Art Kreuzfahrt für mich nicht mehr in Frage kommt.

Ich bin mit einem kleinen Schiffchen über den Nil geschippert, war auf dem Tonle Sap und Mekong unterwegs und habe mir mit zehn anderen Reisenden ein kleines Bötchen auf dem Amazonas geteilt. DAS lasse ich mir gefallen. Ein schwimmender Plattenbau, der so viel Schweröl verbrennen, dass sein Schadstoffausstoß dem CO2 von fünf Millionen PKW entspricht, kann mir künftig gestohlen bleiben.


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